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Nochmalige Opfer: die Juden der arabischen Staaten und der Sechstagekrieg 1967

https://besacenter.org/perspectives-papers/jews-arab-states/

Von Dr. Edy Cohen 28. November 2017

BESA Center Perspectives Paper No. 660, 28. November 2017

 ZUSAMMENFASSUNG: Über die historische Marginalisierung der 900.000 Juden, die im Zuge des Krieges von 1948 aus den arabischen Staaten vertrieben worden waren, ist schon viel geschrieben worden. Aber nur wenige wissen, dass auch der Sechstagekrieg von 1967 eine ähnliche Rolle spielte und das Ende dieser historischen Gemeinden noch forcierte. Es ist höchste Zeit, dass die internationale Gemeinschaft dieses erlittene Unrecht behebt, indem sie dafür sorgt, dass diese Flüchtlinge für ihr Leid und ihre gestohlenen Besitztümer entschädigt werden.

 Fünfzig Jahre nach dem Sechstagekrieg von 1967 wurden vom Israelischen Staatsarchiv große Mengen an bisher geheimen Dokumenten zu diesem historischen Ereignis freigegeben. Während sich viele davon auf den Krieg und die Vorfälle, die zu seinem Ausbruch führten, beziehen, widmen sich manche auch der Notlage der jüdischen Gemeinden in den arabischen Staaten während und nach dem Krieg. Sie zeichnen ein Bild aus Pogromen und Verfolgungen, die entweder von der Regierung gesteuert worden sind oder durch spontane Ausbrüche entstanden und mit stillschweigender Unterstützung der Behörden abliefen.

In fast allen arabischen Staaten kam es zu Misshandlungen, wenn auch das Ausmaß der Gewalt unterschiedlich war. In Tunesien, Marokko und im Libanon beispielsweise wurden die Juden durch die Behörden vor dem wütenden Mob geschützt, während es in Syrien und im Jemen vereinzelte Angriffe auf Juden gab. Die schwersten Verfolgungen ereigneten sich in Libyen, Ägypten und im Irak. Israel unterließ jegliche öffentliche Maßnahme, um zu verhindern, dass dem Bild dieser jüdischen Gemeinden als fünfte Kolonne, die den Interessen des jüdischen Staates dient, Glauben geschenkt wird. Im Geheimen aber agierte das israelische Außenministerium durch seine Botschaften in Washington, London, Paris, Rom, Genf, Brüssel, Ankara und Lissabon für diese Gemeinden.

Der American Jewish Congress, das American Jewish Committee, die Vereinten Nationen und die jüdischen Gemeinden im Westen wurden ebenfalls aufgefordert, durch Protestkundgebungen oder durch Medienberichte über die jüdische Notlage in den arabischen Staaten zu helfen. Den Dokumenten zufolge versuchten die arabischen Regime, die Verfolgung der Juden vor Außenstehenden geheim zu halten, jegliche Beteiligung der Regierung an den offenen Gewaltakten zu leugnen und eine strenge Zensur zu verhängen, um sicherzustellen, dass solche Taten nicht publik gemacht wurden.

 Ägypten

Vor dem Sechstagekrieg lebten noch rund 6000 Juden in Ägypten. Am ersten Tag des Krieges, als durchsickerte, dass die ägyptische Luftwaffe und die meisten Landebahnen zerstört worden waren, befahl Präsident Nasser in Kairo und in Alexandria die Festnahme von 600 jüdischen Männern im Alter zwischen 16 und 70 Jahren, darunter der alexandrinische Oberrabbiner Chaim Douek. Die Gefangenen wurden schwerstens misshandelt. Sie wurden wiederholt geschlagen und erhielten kein Essen oder Trinken, besonders in den ersten Tagen ihrer Gefangenschaft.

Zu beachten ist, dass alle Gefangenen gesetzestreue Bürger waren und sich nicht an illegalen Aktivitäten beteiligt hatten. Sie wurden in verschiedene Gefängnisse geschickt, darunter auch das berüchtigte Abu Zabel Gefängnis, wo sie drei Jahre lang anhaltende Misshandlungen erlitten, deren posttraumatische Auswirkungen so manche von ihnen noch heute spüren. Sie wurden aufgrund der Intervention einer Reihe von Ländern, darunter vor allem Spanien, Italien und Frankreich, unter der Bedingung freigelassen, Ägypten sofort zu verlassen, und sie wurden gewarnt, nichts von ihren Leiden im Gefängnis zu berichten, weil sonst ihren ägyptischen Familienangehörigen Schaden zugefügt würde. Ovadia Yerushalmi, der in Kairo geboren war und zu den jüdischen Gefangenen gehört hatte, lebt heute als Rentner in Israel. Er veröffentlichte vor Kurzem das Buch „Die langen fünf Minuten“ (auf Hebräisch erschienen), in dem er zum ersten Mal seit 50 Jahren des Schweigens die Geschichte der Juden im Ägypten der Jahre 1967 bis 1970 innerhalb der Gefängnismauern und inmitten von Verhaftungen und Verfolgung enthüllt.

 Irak

Im Juni 1967 bestand die jüdische Gemeinde von Irak aus rund 3000 Personen, von denen die meisten in Bagdad und in Basra lebten. Unmittelbar nach dem Ausbruch der Kämpfe wurden ca. 70 Juden verhaftet. Erst viele Monate später kamen sie frei, nachdem ihre Familien den Behörden und hochrangigen Beamten beachtliche Bestechungsgelder gezahlt hatten.

Einhergehend mit den Festnahmen wurden der jüdischen Gemeinde durch die Behörden auch Angst und Besorgnis eingeflößt. Die Juden durften ihre Besitztümer nicht verkaufen und auch nicht wirtschaftlich tätig sein. Ihre privaten Telefonanschlüsse wurden gesperrt und ihre Bewegungsfreiheit in Bagdad eingeschränkt. Viele Juden sperrten sich aus Angst vor gewalttätigen Angriffen – ähnlich dem Farhud-Massaker im Juni 1941, bei dem Hunderte von Juden von ihren randalierenden arabischen Nachbarn abgeschlachtet und ihre Besitztümer geplünderten und zerstört wurden – in ihre Häuser ein. Als Folge dieser Schikane von 1967 wanderten viele der verbliebenen irakischen Juden nach Israel aus.

 Libyen

In Libyen gab es zur Zeit des Sechstagekrieges rund 4000 Juden. Im Juni 1967 wurden in Tripolis und Benghazi gewalttätige antijüdische Demonstrationen abgehalten, bei denen 18 Menschen getötet und Dutzende verletzt wurden. Jüdische Geschäfte wurden geplündert und niedergebrannt, aber auch Synagogen und Wohnhäuser. Zahlreiche Familien sperrten sich in ihre Häuser ein, bis ihnen die Nahrungsvorräte ausgingen.

Die jetzt freigegebenen Unterlagen belegen, dass die Pogrome auf Befehl der Regierung ausgeführt wurden, die der jüdischen Präsenz in Libyen ein Ende setzen wollte. Die Regierung beschuldigte die Gemeinde des Landesverrats und der Unterstützung des „zionistischen Gebildes“. Viele Juden wurden telefonisch bedroht und etwa 100 Juden wurden in Gefangenenlager gebracht, angeblich um für ihre Sicherheit zu sorgen.

Die Gemeinde hatte das Glück, dass die italienische Regierung dazu gewonnen werden konnte, bei ihrer Rettung zu helfen. Die meisten Mitglieder der jüdischen Gemeinde flohen mit nur einem Koffer und ein bisschen Bargeld per Flugzeug nach Italien. Trotz ihrer geheimen Zusage an die libyschen Behörden ersuchte die italienische Regierung Jerusalem um Hilfe bei der Aufnahme dieser Flüchtlinge, und tatsächlich verschlug es viele von ihnen auf diese Weise nach Israel. Ihre Ankunft wurde von den Zensoren vertuscht, um die Ausreise der verbliebenen Juden aus Libyen nicht zu gefährden. Schließlich blieben nur noch 100 Juden im Land, die in den Folgejahren emigrierten. Alle jüdischen Besitztümer in Libyen wurden konfisziert und müssen noch an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben werden.

 Epilog

Der Krieg von 1967 hatte aufgrund von Schikanen, Gefängnis, mörderischen Angriffen, des Entzugs der Staatsbürgerschaft sowie von Vertreibung und Enteignung ihrer Besitztümer die Emigration tausender Juden aus arabischen Staaten zur Folge. Nur eine geringe Zahl von ihnen verließ ihr Herkunftsland aus Bewunderung für Israels erstaunlichen Sieg.

Traurigerweise haben, wie schon 1948, das Leiden und die Not der jüdischen Flüchtlinge von 1967 weder in Israel noch in der Welt die ihnen gebührende Aufmerksamkeit erhalten. Darüber hinaus wurden die geplünderten Besitztümer dieser Flüchtlinge zu einem fixen Bestandteil der anhaltenden Saga der arabischen Plünderungen jüdischen Eigentums von 1948, und ihr Wert wird heute auf etwa 400 Milliarden Dollar geschätzt. Die israelische Regierung und die internationale Gemeinschaft als Ganze müssen daher für eine angemessene Entschädigung für diese Besitztümer sorgen, sei es als integraler Bestandteil eines zukünftigen israelisch-palästinensischen Friedensabkommens oder als eigenständiges Abkommen zur Behebung eines schwerwiegenden historischen Unrechts.

 

Dr. Edy Cohen ist Autor des Buches „Der Holocaust aus der Sicht von Mahmud Abbas“ (in hebräischer Sprache).

BESA Center Perspectives Papers werden dank der Unterstützung durch die Familie Greg Rosshandler veröffentlicht.

 

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